The Walk of Shame

Als die Türen endlich entriegelt waren, eilte sie aus dem grausamen Zimmer und ließ ihre Unterwäsche zurück. Die srilankischen Soldaten warteten draußen und beobachteten, verspotteten und missbrauchten sie. Den Kopf gesenkt und die Haare zerzaust hatte sie nicht mehr die Kraft, ihr Kleidungsstück zuzuknöpfen. Ihre Kleidung sah aus, als wäre es in Blut getränkt worden. Ihr Körper wurde von den Soldaten aufgeschlitzt, teilweise verbrannt und misshandelt. Hinzu kam die brutale Vergewaltigung des Mädchens durch das Militär. Unmittelbar nach der Misshandlung lief sie zurück zum Camp; es war ein beschämender Lauf zurück in das Gefangenenlager.

Ihre Leidgenossen, viele weitere Tamilen, wussten über das Geschehen; jedoch sprach keiner darüber. Den Menschen blieb nichts anderes übrig, als ihrem hungernden Kind Wasser anzubieten, bis sie in der Lage waren, wieder stillen zu können.

Die srilankischen Soldaten zerrten sie raus, folterten sie und drohten ihr Kind umzubringen, wenn sie nicht aufhören würde zu schreien und sich zu wehren. Als die Soldaten die Mutter aus dem Camp heraustrieben, wusste sie sofort, was auf sie zukommt, denn sie hatte am Vortag bereits gesehen, wie ein junges Mädchen von den Soldaten verschleppt wurde. Einer anderen Mutter drohte das Militär, wenn sie sich nicht vergewaltigen lasse, würde ihre jüngste Tochter als Ersatz verschleppt und missbraucht werden. Während des Krieges in Sri Lanka beschützten Mütter ihre Kinder vor fliegenden Metallscherben mit dem Einsatz ihres Körpers. Heute, nach der vermeintlichen Rückkehr des Friedens, lassen sie sich vergewaltigen und missbrauchen, um ihre Kinder zu beschützen.

Zuschauer sprechen nicht darüber. Nicht nur aus Respekt gegenüber dem Opfer, sondern auch aufgrund des Gewissenskonflikts, dass sie als passive Zuschauer nichts gegen die Vergewaltigungen unternommen haben. Sie konnten als Gemeinschaft nicht gegen die Unterdrückung und Misshandlung protestieren. Sie waren nicht in der Lage überhaupt etwas zu unternehmen, da sie rund um die Uhr durch bewaffnete srilankische Soldaten bewacht worden sind.

Die Verbrecher filmen diese Vergewaltigungen mit ihren Handys und fotografieren den nackten Körper ihrer Opfer, denn die Täter wissen, dass sie nie für ihr Verbrechen bestraft werden würden. Zudem sind sie sich bewusst, dass sie die gesamte tamilische Gesellschaft demütigen, indem sie das tamilische Mutterland und die Individuen vergewaltigen.

Natürlich sind nicht nur Frauen unter den Opfern. Die Untersucher der Kriegsverbrechen sind schockiert über die Höhe der männlichen Vergewaltigungen während der Nachkriegszeit in Sri Lanka. Oftmals handelt es sich bei den ängstlichen und zerbrechlichen Opfern um schlanke junge Männer, die eher wie junge Teenager aussehen als Erwachsene. Einige von ihnen wurden bereits in ihren jungen Jahren festgehalten und missbraucht. Mit einer großen Überwindung erzählen sie über die brutalen sexuellen Übergriffe, die sie aus Scham nicht ihren Familienangehörigen anvertrauen können.
Ein junger Mann wurde mit dem weißen Van entführt. Nachdem er mehrere Wochen sexuell und physisch misshandelt wurde, konnte sein Vater ihn gegen Zahlung einer gewissen Summe, die als „Kauf“ gilt, aus dem srilankischen Militärlager befreien. Anschließend brachte der Vater seinen Sohn nach Mannar, um ihn dort zu verstecken. Er kaufte in der Apotheke Heilmittel, säuberte die Folterwunden und cremte diese weinend ein; mit dem Schmerz, dass er nicht in der Lage war, sein Kind vor der Misshandlung und dem Folter zu beschützen. Sein Sohn lag mit Schmerzen im Bett und verschwieg seinem Vater die sexuellen Übergriffe, um ihn vor der grausamen Wahrheit zu verschonen.
Kurze Zeit später wurde der Sohn per Flüchtlingsboot nach Indien geschickt. Dort hatte er vorerst mit Schwierigkeiten zu kämpfen, wie beispielsweise der Fremdsprache, die er nicht beherrschte. Er hatte Angst, seine Eltern in der Heimat anzurufen, da der diese womöglich in Gefahr bringen würde.

Ein weiterer Übelebender der Folter erzählt, dass er von den SL-Soldaten im Wald abgesetzt wurde, nachdem sein Onkel ihnen eine Tasche mit Geld übergeben hatte. Daraufhin fuhr er mit seinem Neffen in eine sichere Unterkunft, wo er dessen Wunden begutachten konnte. In diesem Kontext ist zu erwähnen, dass keiner der Opfer sich traute, den Arzt auszusuchen, da dieses eine Gefahr darstellen würde. Männer, deren Gesäß mit heißen Metallstangen verbrannt worden sind, beschreiben ihren Schmerz, den sie bei der Flucht auf der langen Flugstrecke auf den Sitzen ertragen müssen.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sechs Jahre nach dem Ende des Krieges in Srilanka, noch solche Kriegsopfer im Ausland auftauchen. Als ich ein Buch über die Überlebenden des finalen Krieges im Jahre 2009 schrieb, erzählten mir viele Menschen, dass sie es nicht ertragen haben, das Kapitel über die Folter und das Leid der Tamilen im Jahre 2009 zu lesen. Heute weiß ich, dass der Inhalt des Buches, welches ich bereits geschrieben habe, nur eine harmlose Version des Krieges war. Die Menschen, die ich damals im Jahre 2011 interviewt habe, sind relativ früh geflohen.

Heute sind dort Menschen, die nicht nur einige Monate unter der Verlagerung, Trauer, Verletzungen, Hungersnot und Trauma gelitten haben, sondern viele, die mehrere Jahre in den vermeintlichen „Rehabilitationscamps“ inhaftiert, gefoltert, sexuell missbraucht wurden. Zugespitzt wird die Situation durch den Einsatz der weißen Vans bei den „Rehabilitierten“ durch das SL Militär. Dadurch werden die Haft, die Folter und der sexuelle Missbrauch wieder von Beginn an durchgeführt. Das Leid der Tamilen ist in Worten nicht zu fassen; es ist unbeschreiblich.

Einige der Flüchtlinge kommen im Ausland an und machen sich sofort auf dem Weg vom Flughafen zur Strafanstalt; sie haben nie ein Fuß auf das Land selbst gesetzt. Erneut das Leben hinter Gitter zu verbringen, setzt die Betroffenen dann wieder in ein traumatisches Erlebnis. Sie wachen nachts auf und weinen, da sie in der Strafanstalt im Ausland an die Folter und Misshandlungen in der srilankischen Inhaftierungsphase zurückdenken müssen.
Viele dieser Männer haben ihre Frauen und Kinder in Vanni zurückgelassen. Sie warten auf die Annahme des Asylantrags, sind beunruhigt und besorgt um ihre Famile, die sie zurückgelassen haben. Zusätzlich bangen sie um den Asylantrag; denn dieser kann auch abgelehnt werden, um die Flüchtlinge zurückzuschicken, und den vermeintlichen Rehabilitationsprozess zu unterstützen.

Repressalien und Drohungen der zurückgelassenen Familien in Sri Lanka sind üblich. Ein Mann erzählt, dass seine Frau von den Sicherheitsbehörden Srilankas festgehalten und gruppenvergewaltigt wurde, da die Behörden ihren Mann nicht finden konnten. Als der Mann zurück nach Hause kam, sah er ihre gerissenen Kleidungsstücke sowie die Biss- und Kratzwunden auf ihrer Brust. Er brachte sie sofort ins Krankenhaus, wo sie auf der Intensivstation behandelt wurde. Nach diesem Vorfall sprachen die Eheleute nicht mehr über das geschehene Ereignis. Die Massenvergewaltigung dieser Frau setzte einen Keil zwischen ihr und ihrem Mann.

Nichtsdestotrotz gibt es auch viele starke tamilische Frauen, die sowohl das Trauma, als auch die Vergewaltigung mithilfe der Unterstützung ihrer Ehemänner überwunden haben. Einige von ihnen haben sogar geheiratet und Kinder bekommen. Sie haben dazu beschlossen, dass der einzige Weg gegen die Misshandlungen und Folter anzukämpfen, die Widerherstellung eines normalen glücklichen Lebens ist. Dies erfordert außergewöhnlichen, individuellen Mut und sollte keineswegs mit der Illusion, es sei Vergebung oder Versöhnung, verwechselt werden. Die Debatten um die Versöhnung in Srilanka sollten sich eher mit all diesen grausamen Verbrechen auseinandersetzen, statt mit der Frage auf welcher Sprache die Nationalhymne Srilankas nun nach der Versöhnung gesungen werden soll

„Reconciliation has to be about a lot more than which language you use to sing the national anthem.”

Quelle: http://www.colombomirror.com/?p=3412#.VXA74lI3TfY

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