Wie aus dem Nichts

Es sind nun vier Wochen, nach dem Tod meiner Eltern vergangen. Durch die ständige Flucht konnte ich weder um sie trauern, noch richtig Abschied nehmen. Wozu überhaupt Abschied nehmen, ich werde doch bald zu ihnen kehren.

Die Ärzte und Krankenschwester kümmern sich zwar ausgezeichnet um mich, aber das Schicksal meint es nicht gut mit mir. Trotz meiner großen Wunden, spürte mein Körper keinen größeren Schmerz als meine Seele. Warum musste mein Volk so leiden? Warum erhörte uns keiner? Hat dieses Elend nie ein Ende?

In diesen Tagen fiel mir der kleine Sivakumaran auf. Er sprach mit keinem. Er lebte in seiner eigenen Welt. Er zeigte nicht einmal eine winzig kleine Reaktion. Er war starr wie Stein. Aber war er schon immer so? Nein, sein Umfeld ließ ihn verstummen. Das ist die Geschichte eines kleinen zehn jährigen Jungen, der im Elend schon fast ertrank.

Er kam vor einer Woche mit seiner Mutter und seiner Schwester ins Krankenhaus. Es war eher ein Zelt, indem alle Verletzten mit wenig Utensilien, aber viel Mühe behandelt wurden.
Schon wenige Minuten später nahm ein Arzt die zwei Verletzten mit. Er bat Sivakumaran auf der Strohmatte, neben meiner, zu warten. Er setzte sich nickend hin. Bald darauf kam der Arzt wieder und sagte: „ Thambi, wir konnten deine Familie nicht retten. Es tut uns wirklich leid. Es war leider schon zu spät.“ Der Arzt ging fort, denn es kamen immer mehr Verletzte. Sivakumaran stand auf und ging rüber zu dem Leichenhaufen. Er zog seine Mutter und Schwester heraus, setzte sich neben sie und rüttelte an ihnen.

„Amma, schau mich an. Ich bins dein kleiner Sivakumaran. Rede mit mir. Bist du mir sauer, dass ich Appa nicht beschützen konnte? Amma, glaub mir, ich habe es versucht, aber die Soldaten warfen mich in die Ecke. Ich bin nur davongelaufen, weil ich euch retten wollte. Ich bin kein Feigling. Es tut mir leid, Amma, das ich Appa nicht retten konnte. Bist du mir so böse, dass du mich nicht einmal anschauen möchtest? Ich werde hier warten. Ich werde warten bis du mich wieder in den Arm nimmst. Ich liebe dich.“
Es tat weh den kleinen Jungen so zu sehen. Er wusste nicht mal, dass seine Mutter ihm gar nicht antworten konnte. Genau dieser Moment ließ ihn verstummen. Er saß da ohne auch eine winzige Reaktion von sich zu geben.
Da kam eine Schwester und schickte ihn fort: „Thambi, wir bekommen immer mehr neue Patienten, wegen dem Platzmangel müssen wir dich leider fortschicken.“ Der kleine Junge bewegte sich nich. Ein Arzt setzte ihn sogar weg, doch er kehrte immer wieder an seinen Platz zurück. Er wartete nun sechs Tage auf die Reaktion seiner Mutter.

Plötzlich stand er auf und rannte weg. Er war lange weg. Er kam wieder mit einem winzigen Behälter Milch. Er nahm seine kleine Schwester auf den Schoss und gab sie ihr.
Diese Szene ließ mein Herz zerreißen. Ärzte und Schwestern wollten gar nicht hinschauen, denn es tat so weh. Es tat weh, Menschen so leiden zu sehen.
Eines Nachts kamen zwei Soldaten. Sie waren auf der Suche nach jungen Mädchen. Heute fanden sie ihr Opfer in der zwölf jährigen Isaipriya. Sobald einer zu Hilfe eilte, bekam er einen heftigen Tritt verpasst. Es war schrecklich, nichts tun zu können. Wenn unsere Freiheitskämpfer hier gewesen wären, wäre das nicht passiert.
Der eine Soldat zerrte das kleine, sich weigernde Mädchen hinter sich her. Beide amüsierten sich sehr.
Plötzlich kam Sivakumaran wie aus dem nichts, sprang auf den einen Soldaten, nahm dessen Gewehr und erschoss beide.
„Sie nahmen mir meinen Vater. Sie nahmen mir meine Mutter. Sie nahmen mir sogar meine Schwester. Ein Säugling, das keinem was getan hat. Sie nahmen mir meine ganze Familie, aber eines können sie mir nicht nehmen: Das Recht auf ein Leben in Freiheit. Dafür werde ich kämpfen. Die ganze Situation ließ mich verstummen, aber heute ist der schlafende Tiger in mir erwacht. Er wird nicht ruhen bis wir unser Ziel verwirklicht haben.
Glaubt daran, wir werden wieder ein friedliches Leben voller Freude in Tamil Eelam führen. Es wird ein steiniger Weg, jedoch mit Willen und Ehrgeiz werden wir es schaffen. Der Traum unserer Brüder und Schwester wird in Erfüllung gehen.
Glaubt daran, morgen wird Tamil Eelam erblühen.“

“Das ist wahr, Thambi. Wenn du heute nicht gewesen wärst, wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht mehr am Leben oder würde in ein paar Wochen ein Kind von meinem Feind in mir tragen. Tagtäglich fallen unsere Schwestern diesen Tyrannen zum Opfer. Wir müssen das ändern. Es wird uns keiner helfen. Wir müssen es selbst in die Hand nehmen. Keiner wird uns unser Land in die Hand drücken. Keiner wird für unser Volk kämpfen. Wir müssen das machen. Es geht hier um unser Volk. Es geht hier um unsere Identität. Es geht hier um den Traum jedes einzelnen Eelamtamilen. Lasst uns dafür kämpfen.
Unser Anna sagte einst: „Ich werde mit Zuversicht sagen, dass der Grund dafür, dass unser Kampf jeglichen Herausforderungen auf dem Weg zur Befreiung standhalten konnte, unsere zielstrebige Entschlossenheit ist.“

Sivakumaran und Isaipriya nahmen die Gewehre der Soldaten und verschwanden.
Die kleinen Tiger machten mich stolz. Wir sind ein Volk, das niemals aufgeben wird. Egal wie oft wir auch fallen, wir werden immer wieder aufstehen.
Unsere Helden haben ihr wertvolles Leben für uns gelassen. Wir werden ihren Traum, unseren Traum, erfüllen.

Tamilarin Thaagham Tamil Eela Thaayagham

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