Der letzte Brief meiner Schwester

Mullivaikkal, 18.Mai 2009

Lieber Anna,

wie geht es dir? Ich hoffe, es geht dir gut und dass du dich mittlerweile zurechtgefunden hast in deinem neuen Land. Es sind mittlerweile schon fast 12 Monate vergangen, seitdem du beschlossen hast, nach Deutschland auszuwandern. Ich weiß, dass du nur zum guten Zweck in Deutschland bist; um mehr Geld zu verdienen, und somit uns – vor allem mir – ein besseres und sicheres Leben geben zu können. Wir werden das, was du für uns bisher getan hast, nie vergessen. Aber Anna… ich weiß nicht, ob das eigentlich noch was ausmacht, beziehungsweise ob solch ein Leben für uns hier überhaupt noch möglich ist…

Hast du irgendetwas von der Situation hier bei uns mitbekommen? Wurde irgendetwas von den brutalen Geschehnissen in euren Medien berichtet? Ha, vermutlich nicht… noch nicht mal die Tamilen hier bekommen mit, was wahrlich geschieht in unserem Lande. Als ob die Deutschen und ihr irgendetwas wisst… Das Land ist zweigeteilt, Anna!

Ein Teil, in dem die Singhalesen vertreten sind, lebt so weiter, als würde nichts geschehen, bekommt nichts vom Ganzen mit, als gäbe es Frieden, und die Menschen dort gehen ihren täglichen Geschäften nach. Und der andere Teil… der zweite Teil, in dem die Tamilen leben, kämpft tagtäglich ums Überleben und flieht vor dem Tod, sucht nach Sicherheit und Zuflucht in Bunkern…

Anna… der Krieg hat den Höhepunkt erreicht. Wir sind nicht mehr sicher hier. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde leben wir mit der Angst, dass uns eine Bombe trifft, oder dass jemand kommt und uns mitnimmt. Nirgends sind wir mehr in Sicherheit. Denn egal wo man ist: man wird bombardiert, beschossen, entführt oder vergewaltigt. Wir fliehen aus Angst von einem Ort zum nächsten… Sobald die Armee anfängt zu bombardieren, verkriechen wir uns in den Bunkern und hoffen auf ein baldiges Ende. So viele Verletzte, Anna. So viele Verwundete und jene, die um ihr Überleben kämpfen. Wir können nicht mal Erste-Hilfe leisten und sie in Sicherheit bringen, da wir selbst Opfer sein könnten. So viele Tote, Anna, so viele… Überall liegen Leichen, Körper ohne Kopf und Beine, Arme und Hände… Körperteile und Körperinnereien verstreut auf dem Boden. Ältere Frauen und Männer, Mütter und Väter, kleine Mädchen und Jungen, sogar Babys und wir…, wir haben noch nicht mal die Möglichkeit, den Toten eine letzte Ehre zu erweisen und sie zu begraben.

Was ist falsch, Anna? Welchen Fehler haben wir begangen? Ist es falsch, auf dem Lande als Tamile geboren zu sein? Ist es nicht unsere Heimat? Ist es nicht unser Reich, welches unsere Vorfahren seit Jahrhunderten regierten? Wieso will man uns unsere Heimat wegnehmen? Wieso tut man uns das an? Wo ist die Menschlichkeit, Anna? Ich dachte, die „Würde des Menschen ist unantastbar“? Aber hier begnügt sich die Regierung am Tod unseres Volkes und hat keine Grenzen dabei… Sie bringt uns nicht nur um, nein, sie will uns ausrotten! Sind wir Tamilen denn keine Menschen, Anna?

Wir können nicht mehr… es ist schrecklich mit anzusehen, wie unsere Brüder und Schwestern im Blut schwimmen, während die sri-lankische Regierung sich an dem blutigen Bild amüsiert. Letztens sagte man uns, wir sollen uns in ein Gebiet in Mullivaikkal begeben, damit wir vor den sogenannten „Rebellen“ sicher sind. Sie nannten es die „Schutzzone“. Da gäbe es keine Bombardierungen, da seien wir in Sicherheit. Wer sind die Rebellen, Anna? Die Menschen, die Kämpfer, die ihr eigenes Leben aufopfern, damit wir in Frieden, in Freiheit, in Unabhängigkeit in unserem eigenen Land leben können? Damit wir unsere Selbstbestimmungsrechte zurückgewinnen und als ein eigenes Volk angesehen werden können? Das ist doch nur ein Vorwand!

Warum schauen die internationalen Länder nur zu und handeln nicht, obwohl die Regierung als angebliche demokratische Republik so viel Kriegsverbrechen treibt? Sie nennen es Schutzzone, verweigern uns aber jede internationale Hilfe und ankommende medizinische Versorgung. Sie verbieten den Medien den Eintritt ins Hilfsgebiet, lassen uns hungern und sterben. Zusätzlich bombardieren und beschießen sie das Gebiet. Nennt sich das etwa Schutzzone?

Die Frauen haben es am schwierigsten, Anna… ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll… ich kann nicht mal mehr meinen Stift halten, um dies zu Wort zu bringen. Gestern kamen ein paar fremde Männer in Army-Kleidung…, sie zerrten mich und weitere junge Mädchen mit in einen Wagen. Keiner konnte uns helfen. Unsere Familien flehten und weinten, uns bitte nichts anzutun. Aber die Soldaten hatte keine Gnade. Sie packten uns und wir fuhren weg. Ich weiß nicht wohin. Wir kamen irgendwo im Freien an. Sie kamen uns immer näher und berührten uns, fassten uns überall an. Zuerst versuchten wir uns zu wehren, aber dann schlugen sie auf uns ein. Sie zerrten an unsere Kleider und versuchten, sich mit Gewalt uns zu nähern. Plötzlich verdeckten sie mein Gesicht mit einer Plastiktüte und ich weiß nicht, was danach geschah, nur, dass ich irgendwann das Bewusstsein verlor. Ich weiß nicht, was alles passiert ist, Anna. Aber heute Morgen wachte ich auf… ganz woanders, in einem dunklen Raum… meine Kleider vom Leib gerissen… Zigarettenwunden verteilt überall am Körper. Alles schmerzt, Anna. Es tut alles so weh. Sie haben mich vergewaltigt…!

Anna, ich hoffe du bekommst diesen Brief, denn ich weiß nicht mehr, ob wir uns wiedersehen werden. Ob ich hier je lebend wieder rauskomme!? Lebe wohl und pass auf dich auf!

In Liebe

Deine Schwester Shanthi

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