An meinen geliebten Cousin in Deutschland

An meinen geliebten Cousin in Deutschland,

ich hoffe dieser Brief kommt noch an, bevor mir etwas zustößt. Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich nicht weiß, wann und ob wir nochmal die Gelegenheit haben werden, uns zu sehen, geschweige denn miteinander zu sprechen. Wie du sicherlich mitbekommen hast, hat der Krieg seit einigen Monaten den Höhepunkt erreicht. So wie es gerade aussieht, wird sich die Lage nicht mehr beruhigen.

Wir sind bereits seit drei Wochen unterwegs. Das sri-lankische Militär schickt uns von einem Ort zum anderen. Wenn wir die Soldaten fragen, wann wir wieder nach Hause dürfen, werden sie wütend und schicken uns weg. Sie sagen lediglich, dass wir zu einer „No-Fire“-Zone geschickt werden. Das ist nun das dritte Mal. Diese Zone, welches unser nächstes Ziel ist, befindet sich in Mullivaikkal… noch nie in meinem ganzen Leben musste ich so viel laufen.

Der Hunger und der Durst sind unerträglich. Doch was all dies übertrifft, ist das Leid um mich herum. Es regnet. Ein Regen aus Bomben. So viele Leichen. So viel Blut. Täglich werden es immer mehr Tote. Die Helfer kommen nicht mehr mit. Die Krankenhäuser sind überfüllt. Patienten liegen aneinandergereiht. Darunter ebenfalls Tote. Sie haben es nicht mehr geschafft. Sogar Krankenhäuser werden bombardiert. Die medizinische Versorgung wurde von der sri-lankischen Regierung gestoppt.

Mütter, die ihre toten Kinder in den armen Halten. Viele weinen. Manche sind erstarrt vor Schock. Unser aller Leben hier, hängt am seidenen Faden. Wir wissen nicht mehr wofür wir Leben. Wir sind erschöpft… Erschöpft vor der täglichen Angst um unser Leben.

Auch wenn wir nie wieder miteinander reden können, wünsche ich mir, dass du der Welt erzählst, was uns hier passiert. Was hier stattfindet, ist nicht nur ein Krieg. Wir Tamilen werden systematisch ausgelöscht. Wir können nichts dagegen unternehmen. Doch ihr Tamilen in der Diaspora könnt dafür sorgen, dass die Wahrheit ans Licht kommt und die sri-lankische Regierung von der internationalen Gesellschaft für jedes einzelne Leben was ausgelöscht wurde, büßen muss. Auch wenn ich den Glauben ans Überleben verloren habe, habe ich nicht den Glauben an die Gerechtigkeit verloren.

In Liebe,

dein Cousin

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