Black July – 25. Juli 1983

Fünfunddreißig Jahre ist es nun her, seitdem der schwarze Juli meine geliebte Heimat heimgesucht hat. Fünfunddreißig Jahre, seitdem ich meine Familie verloren habe: Meine Eltern und meine ältere Schwester. Alle von singhalesichen Soldaten kaltblütig ermordet. Mein kleiner Bruder und ich blieben allein zurück.

Seit fünfunddreißig Jahren lebe ich nun im Ausland, wie hunderttausende Tamilen, die nach den Ereignissen des schwarzen Julis aus ihrer Heimat geflohen sind.

Die Nacht zum 25. Juli 1983 habe ich noch heute klar vor Augen. Die grausame Nacht verfolgt mich bis heute in meinen Alpträumen. Bis zu diesem Tag führten wir ein sorgenfreies Leben. „Sorgenfrei“, wie man es unter bestimmten Umständen nennen konnte. Es gab immer wieder mal Unruhen und Gewaltakte gegen uns Tamilen, aber der 25. Juli veränderte mein Leben auf einem Schlag:

Zu jenem Zeitpunkt war ich 14 Jahre alt. Ich hatte grad eine Prüfung hinter mir und war auf dem Weg nach Hause. Unterwegs fiel mir bereits auf, dass sich überall Menschenmassen gesammelt hatten und viele singhalesische Soldaten mit Äxten, Knüppel und Gewehren bewaffnet waren. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, ich wollte einfach nur nach Hause zu meiner Familie. Meine Eltern erwarteten mich bereits zu Hause und schlossen mich mit großer Erleichterung in ihre Arme als sie mich sahen. Sie berichteten mir, dass im Laufe des Tages viele tamilische Geschäfte überfallen und geplündert wurden. Zahlreiche Tamilen wurden angegriffen und viele tamilische Häuser in Brand gesteckt. Wir waren der drohenden Gefahr noch nicht ganz bewusst, denn wir dachten, wir wären zu Hause sicherer als draußen, wo so viele Soldaten rumliefen.

Nachts gegen 2 Uhr hämmerte es dann an der Tür. Wir trauten uns nicht aufzumachen. Mein Vater befahl uns, uns zu verstecken. Ich riss meinen damals dreijährigen Bruder aus dem Schlaf und wir versteckten uns alle in einem Zimmer. Es klopfte immer noch wie wild an der Tür. Schließlich wurde die Tür eingetreten. Nackte Panik stieg in mir hoch, als sich die Schritte unserem Zimmer näherten. Gleich waren sie bei uns. Mein Vater schrie uns zu, wir sollen weglaufen. Meinen kleinen Bruder im Arm lief ich zum Hinterausgang. Ich hörte mehrere Schüsse, traute mich jedoch nicht mich umzudrehen. Ich weiß nur, dass ich aus dem Haus lief und irgendwann merkte, dass niemand hinter mir war. Auch nicht meine Eltern. Oder meine Schwester. Ich wollte zurück zu unserem Haus. Doch irgendetwas hielt mich zurück. Ich wusste, dass nichts mehr so sein würde wie früher.

Ich sah, wie eine Gruppe von Schlägern einen Bus anhielten, in dem überwiegend Tamilen saßen. Sie vergewisserten sich, dass die Türen verschlossen waren und übergossen den Bus mit Benzin. Ich erstarrte. War unfähig mich zu rühren. Ich konnte nur reglos zusehen wie sie all diese unschuldigen Menschen im Bus bei lebendigem Leib verbrannten. Überall erbot sich ein Bild der Zerstörung. Egal wo ich hinsah, ragten die tiefschwarzen Rauchwolken über den tamilischen Häusern bis weit in den Himmel. Überall lagen zerfetzte Leichen. Verzweifelte Hilfeschreie und unzählige Verletzte in Blutlachen prägten das Bild der Zerstörung. Sowas wie Menschlichkeit oder Menschenwürde gab es dort nicht, und gibt es auch heute noch nicht. Ich wusste, dass wir dort niemals sicher sein werden.

Wie viele andere, haben wir in einem Tempel Zuflucht gesucht. Am nächsten Morgen als sich die Lage etwas beruhigt hatte, wollte ich zurück zu meinem Elternhaus. Mein letzter Funken Hoffnung starb, als ich zu der Stelle ging, wo unser Haus mal stand: Außer Schutt und Asche war nichts mehr davon übrig. Um unseren Brunnen herum hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Mein Herz setzte aus. Ich wollte es nicht sehen, doch meine Füße trugen mich dahin. Mit aufgerissenen Augen blickte der leblose Körper meiner Mutter zu mir herauf. Ihr einst so offenes, schönes Gesicht war entstellt und mit unzähligen Blutergüssen übersät. Neben ihr lagen die Leichen meiner Schwester und meines Vaters. Alle achtlos zusammengeworfen, als wäre es Müll. Ich brach zusammen und weinte hemmungslos. In diesem Moment brach meine Welt zusammen, ich wusste nichts mehr mit mir anzufangen. Sie hatten mir meine Familie weggenommen. Der einzige Wert in meinem Leben.

Tränenüberströmt lief ich ziellos durch die Gegend. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Mein Herz schmerzte bei dem Gedanken an meinen kleinen Bruder. Er war noch ein Kind. In wusste nicht, wie ich ihm das erklären sollte, was sie unserer Familie angetan haben. Ich war nun allein mit ihm. Wir hatten nur uns. Hätte ich besser auf meine Familie aufpassen sollen? Oder hätte ich sie gar retten können? Diese unbeantworteten Fragen werden mich mein Leben lang quälen. Ich habe oft daran gedacht, mir das Leben zu nehmen. Mein kleiner Bruder war der einzige Grund, warum ich blieb. Denn ich war die einzige Familie die er noch hatte.

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