Die Frau des Vermissten

Der Gang zur Arbeit wurde immer unangenehmer. Ich hatte diesen Beruf auserwählt, um Menschen zu helfen. Seit dem offiziellen Kriegsende im Jahre 2009, gab ich Menschen aber nur Schmerz und Enttäuschung. Die srilankische Regierung war auch nicht bereit mit uns zu kooperieren.

Täglich kamen Hunderte von Menschen zum Vermisstenzentrum mit der Hoffnung ihre Liebsten zu finden. Jedes Mal musste ich sie enttäuschen, denn wir wussten selbst nicht, was mit 146.679 Menschen nach 2009 geschehen ist. Das viele von ihnen nicht mehr am Leben sind, konnte man erahnen, jedoch brauchten wir Bestätigungen, um es offiziell zu machen.

Über 6 Jahre warteten schon etliche Menschen auf die Rückkehr ihrer Familienangehörigen. So auch die junge Frau Selvi. Jeden Tag kam sie zu uns und flehte uns an ihren Mann zu suchen. Es zerriss mein Herz sie immer wieder erneut wegzuschicken. Schließlich war ich auch kein Unmensch. Jeder Mensch kannte nun mal das Gefühl einen Menschen dermaßen zu vermissen. Es ist ein Gefühl voller Schmerz. Schlimmer jedoch ist die Ungewissheit, ob die Person überhaupt am Leben ist.

disappeared

Zwei Wochen später erreichte uns die Nachricht, dass Selvis Ehemann bereits im Mai 2009 durch die srilankische Armee erschossen worden sei. Sein Tod konnte nun nach Jahren von seinen engsten Freunden bestätigt werden.

Mir ging nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Wie überbringe ich Selvi diese Hiobsbotschaft?
Sie hatte doch erst wenige Monate vor seinem Verschwinden geheiratet. Sie hatten noch ihr ganzes Eheleben vor sich.

Ich wischte meine Tränen weg und raffte mich auf. Ich musste stark bleiben. Ich kannte Selvi aus der Kindheit. Wir besuchten die gleiche Schule. Sie war immer ein aufgeweckter und lebensfreudiger Mensch gewesen. Nun musste ich ihr die letzte Hoffnung, die sie am Leben hielt, auch noch nehmen.

Die Uhr schlug acht. Ich wusste, dass sie jeden Moment kommen würde. Mein Herz begann zu rasen. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Es gehörte zwar langsam zu meinem Alltag schlechte Nachrichten zu überbringen, jedoch war es jedes Mal ein erneuter Kampf mit mir selbst.

Es klopfte an meiner Tür und herein kam eine erschöpfte, junge Frau. Selvi nahm Platz und erkundigte sich nach Neuigkeiten.
Ich versuchte ihr die Nachricht schonend beizubringen. Aber wie sollte man jemandem den Tod eines wichtigen Menschen schonend beibringen?
Selvi begann fürchterlich zu weinen. „Bist du dir sicher? Sucht bitte weiter. Er ist bestimmt noch am Leben.“
„Es tut mir leid, seine Leiche wurde bereits identifiziert. Es handelt sich hierbei um keine Verwechslung, wie sehr ich mir das auch für dich wünschen würde.“

Ohne auch ein weiteres Wort zu erwähnen, stand sie auf und ging nach draußen. Als ich ihr meine Hilfe anbot, lehnte sie ab.Sie setzte sich auf die Treppe vor dem Eingang und weinte. Sie saß Stunden lang da ohne etwas zu sagen. Plötzlich fing sie an zu fluchen.

„Der Krieg nahm mir meine Familie, mein Haus und meine Arbeit. Mein Mann war der einzige Grund, warum ich noch am Leben war. Aber auch er wurde mir genommen. Ein Staat sollte seinen Bürgern Schutz gewähren und nicht alles nehmen, was sie haben. Ich wollte doch nur ein einfaches Leben führen, war das zu viel verlangt? Ein Leben in Frieden. Jetzt bin ich ganz alleine und habe rein gar nichts mehr.

Wieso spricht man von Menschenrechten, wenn man diese sowieso nicht beachtet. Ich bin kein Einzelfall, der hier so leidet. Es leiden Tausende von Menschen mit mir. Was uns gegeben wird, ist nur ein “Internationaler Tag der Verschwundenen“. Wenn auf dieser Welt Menschlichkeit existieren würde, bräuchten wir diesen Tag gar nicht. Was bringt es uns jeden 30. August an diese Menschen zu gedenken? Kommen sie wieder? Werden sie dadurch gefunden? Solange sich in den Köpfen von vielen Menschen nur Macht und Geld befindet, werden immer wieder Menschen verschwinden. Menschen, die unschuldig aus ihrem Alltagsleben gerissen werden.
Ich bin wütend. Ich bin wütend auf dieses Land. Diese angebliche Demokratie hat mein komplettes Leben zerstört und die Welt hat nur zugesehen.“

Mit diesen Worten verließ uns Selvi für immer…

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