Der Traum eines Fußballers

3.Dezember – Der internationale Tag der Menschen mit Behinderung ist ein von den Vereinten Nationen ausgerufener Gedenk- und Aktionstag. Anlässlich des Jahrestages wollen wir mit euch die Geschichte von Kannan teilen:

Ich lernte Kannan auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Mullaitheevu kennen, welches ich für journalistische Zwecke besuchte. Ich wurde von meiner Redaktion beauftragt, einen Artikel über diese Veranstaltung zu schreiben. Kurzerhand entschied ich mich, stattdessen ein Interview mit Kannan durchzuführen. Kannan war einer der Redner dieser Veranstaltung. Seine Ansprache begeisterte die ganze Masse und erfüllte den Raum mit Hoffnung und Lebenslust.

Kannan war ein 17-jähriger Junge aus Vanni, der bereits mit vier Jahren seine Eltern verloren hatte. Er wuchs in einem Waisenhaus auf. Als ihn dort eines Tages ein tamilischer Junge aus Deutschland besuchen kam, begeisterte dieser ihn für das Fußballspielen. Er übte sehr viel mit dem Ball, denn er wollte einmal Profi-Fußballer werden.

Ich konnte seine Leidenschaft in seinen Augen sehen. Sie funkelten wie Sterne am Himmel. Kannan gründete seine eigene Mannschaft und trainierte in jeder freien Minute. Ich ahnte schon, dass ein trauriges Ereignis gefolgt sein muss, welches Kannan und dessen Liebe zum Fußball für immer veränderte.

[…] Sie nahmen mir meine Eltern. Mein Zuhause. Einfach alles. Ich habe begonnen, mich damit abzufinden und baute mir ein neues Leben auf. Ich wollte doch auch nur ein ganz normales Leben wie jeder andere auch führen. War das zu viel verlangt?
Das Fußballspielen gab mir eine neue Lebenslust und ließ mich meine Sorgen vergessen. Es war meine eigene Art, meine Trauer zu verarbeiten und mit ihr umzugehen. Doch Gott hatte anderes vor mit mir. Bei einem Bombenanschlag auf das Waisenhaus wurde ich schwer verletzt, meine Beine so sehr entstellt, dass sie keine Reize mehr wahrnehmen konnten. Seither leide ich an einer Paraplegie.

Die Angriffe der srilankischen Regierung nahmen mir nicht nur meine Existenz, sondern auch meine neu aufgebaute Lebensfreude. Ich fühlte mich wie eine schwere Last für andere. Gefangen im Rollstuhl spielte ich sehr oft mit dem Gedanken, mir das Leben zu nehmen. Ich konnte nichts ohne Hilfe machen. Ich war gezwungen, meinen Traum einer erfolgreichen Fußballkarriere aufzugeben. Leider bin ich nicht der Einzige, der solch‘ ein Schicksal durchmachen muss. Tausende von Kindern und Erwachsene haben bei Bombenanschlägen Arme und Beine verloren, doch die Welt schweigt. Ich merke, dass viele ihr Mitgefühl zeigen, doch es gibt keinen, der Bemühungen anstellt, die Ursachen zu bekämpfen […]

Ich brach in Tränen aus. Wie konnte das Schicksal so mit diesem Jungen spielen? Ich war kurz davor, das Interview abzubrechen, doch dann sagte Kannan: „Bitte weinen sie nicht. Ich möchte nicht, dass Menschen aus Mitleid Tränen für mich vergießen.

Ich brauchte einige Jahre, meine Lebensfreude wiederzufinden, aber heute kann ich sagen, dass ich mein Schicksal so angenommen habe. Hätte ich mir einst mein Leben genommen, hätten einige Zeitungen über mich berichtet. Spätestens einige Jahre danach wäre ich aber in Vergessenheit geraten. Heute leite ich ein Waisenhaus, speziell für behinderte Kinder und einen Fußballverein für hilfsbedürftige Kinder. Ich lebe meinen Traum, indem ich anderen Kindern die Möglichkeit gebe, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Ich möchte der ganzen Welt zeigen, dass ich nicht anders bin. Ich will nicht auf meine Behinderung reduziert werden. Menschen mit Behinderung, egal welcher Art, sind auch nur ganz normale Menschen. Man sollte sie nicht mit Blicken töten oder gar isolieren. Wir können die Welt leider nicht komplett verändern. Wir können aber unseren Mitmenschen ein normales Leben ermöglichen.“

Ich war erstaunt, dass solche weisen Worte von einem jungen Mann kamen, der noch sein ganzes Leben vor sich hatte. Ich habe schon etliche Interviews geführt, jedoch hatte mich keines so sehr berührt wie dieses.

Endlich

Photo : Refugee Art Project

Endlich haben wir einen großen Schritt Richtung Freiheit geschafft. Weg von den Bomben, weg vom Krieg. Vater hatte uns Tickets für die Überfahrt nach Europa besorgt. Es waren unsere Tickets in das sichere Leben.

Die Menschen um uns herum lachen und freuen sich. Es ist so, als sei man auf dem Weg in den Urlaub, doch die gute Laune der Menschen an Bord ist nur von kurzer Dauer, denn alle haben Angst. Angst davor, von der Küstenwache gefasst zu werden und wieder mitten in den Krieg zurück zu müssen. Wir haben Glück und kommen unerkannt Europa näher.

Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen und gegen die Wand geschleudert. Ein Gewitter so stark, wie ich es noch nie erlebt habe. Die Wellen peitschen und das Schiff wankt. Wieder bei Bewusstsein sehe ich um mich weinende Frauen, Männer und Kinder meines Alters. Angehörige sind vom Schiff gefallen und weitere Leute sind hinterhergesprungen, um sie zu retten. ‚In dem Gewitter werden sie keine Chance haben‘, sagte mir mein Gefühl. Ich klammere mich vor Angst an Vater. Ich will doch nur ein normales Leben führen. Ein Leben in Sicherheit ohne Krieg und Tod. Der Leidensweg in die Sicherheit hat bereits vielen Freunden und Bekannten das Leben gekostet. In den Armen meines Vaters schlafe ich ein, in der Hoffnung, dass bald alles gut wird.

Die Sonne blendet mich. Ich höre jubelnde Menschen. Wir haben es geschafft. Wir sind in Deutschland! Ich sehe Menschen, die uns willkommen heißen, und Kinder in meinem Alter, die mir Süßigkeiten und Wasser geben. Fühlt sich so die Sicherheit an? Ich hoffe es und möchte endlich mein neues Leben ohne Krieg beginnen.